Wie man einen Fotografen nervt

Teil 6 – oder „wir kennen uns schon so lange, kannst du nicht ein paar schöne Fotos von mir machen?

Kürzlich habe ich eine Mail erhalten, die Absenderin hat eine Fotostrecke von mir gesehen und schrieb, wie schön sie meine Fotos findet und hat mir auch erklärt, warum sie das so empfindet; ich liebe feedback, vor allem positives. Sie bat mich, auch Fotos von ihr zu machen, sie selbst sei allerdings nicht so fotogen aber vertraue voll und ganz auf meine Fähigkeiten. (Zumindest hat sich nicht gesagt, dass meine Kamera tolle Fotos macht). Außerdem wohnen wir ja nicht all zu weit voneinander entfernt und ich könnte ja einfach mal bei ihr vorbei kommen und die Kamera mitbringen. Konkrete Termine lagen bei.

Auf meine Rückfrage hin, wie viel Zeit ich demn einplanen sollte und wie viele Bilder sie denn am Ende fertig bearbeitet haben möchte, meinte sie, ich könnte ja mal drauf los knipsen, je mehr – desto besser! Wenn ich allerdings über eine Stunde einfache Fahrtzeit habe und die Fotos dann noch bearbeiten muss, wenn das Model nicht fotogen ist (was gar nicht schlimm ist) und sich unsicher vor der Kamera fühlt und das zusätzlich Zeit kostet (was auch überhaupt nicht schlimm ist) finde ich die Aussage, man könnte ja einfach mal drauf los knipsen, ausgesprochen daneben und wenig wertschätzend der Arbeit des Fotografen gegenüber.

Was soll ich sagen, das Shooting fand nicht statt. Die Erwartungshaltung war ein all-inclusive-Programm gegen eine Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen, während sich die Bekannte das nächste Outfit anzieht.

Diese Bekannte betreibt ein kleines Schmuckgeschäft. Ich habe sie gefragt, ob sie mir vielleicht aus ihrem Laden ein schönes Armband mitbringen könnte, wir kennen uns ja schon so lange. Die Frage, was ich denn ausgeben möchte habe ich mit einer Tasse Kaffee und einer Butterbrezel beantwortet.

Ich fotografiere zwar gerne, aber in diesem Fall musste ich ablehnen. Als Begründung, dass man sich sehr lange kennt (und zugegebener Maßen aber auch kaum Kontakt hat) verpflichtet ja nicht zu kostenlosen Freundschaftsdiensten. Und wenn jemand gar keine Vorstellungen hat und „einfach“ nur gute Fotos will, dann sind da unausgesprochene Erwartungen, die oft nur schwer zu Erfüllen sind. Niemand fragt einen Fotografen an, ohne Ideen, Wünsche oder Vorstellungen zu haben.

Wenn jemand meine Arbeit als Zeitfüller versteht und meine Zeit nicht zu schätzen weiß, warum sollte ich dann genau diese Person fotografieren? Warum sollte ich meine Lebenszeit verschenken oder gegen eine Tasse Kaffee eintauschen, wenn ich genau diese wenige Zeit, die wir alle oft haben, nicht mit echten Freunden zu verbringen?

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Author: Khun Aleks

Photographer into travels, portraits, nature and street shots.

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