Teil 4 – oder „mit der Realität hat das aber nichts zu tun“
Ich liebe Fotografie, und ich liebe es, bestimmte Bilder durch Bildbearbeitung den Blick des Betrachters auf ein bestimmtes Detail zu lenken, oder etwas im Bild besonders zu betonen oder auch etwas, das vom eigentlichen Objekt ablenkt, abzudunkeln oder zu entfernen.
Manchmal bearbeite ich auch die Farben oder Kontraste, entweder, weil ich die Szene anders wahr genommen habe oder um dem Bild mehr Dramatik oder eine andere Ästhetik zu geben.
Was ich hingegen nichts verändere ist zum Bespiel bei dokumentarischen Fotos oder in der Streetphotography.
Ich sehe Fotografie nicht nur als das Festhalten von Momenten, sondern auch als Kunstform. Und ich finde, dass wir in der Kunst offen sind für viele verschiedene Betrachtungen, für Formen, Farben und Materialien. Ob es dem Betrachtenden am Ende gefällt, ist dem Gestaltenden erst mal egal.
Ich habe zum Beispiel diese Serie „the aesthetic of urban environments“, bei welcher ich in aller Regel ein Foto aus Bodennähe aufnehme und nachträglich ein Flugzeug ins Bild einfüge. Manchmal werde ich gefragt, wie lange ich gewartet habe, bis das Flugzeug kam oder wie ich es geschafft habe, dass es zentral im Bild ist und meistens erhalten diese Bilder verhältnismäßig grosse Reichweiten oder likes. Wenn mich dann jemand fragt, wie das Bild entstanden ist, sage ich natürlich die Wahrheit und ganz oft höre ich dann: Lug und Trug – das ist alles gefaket. Und obwohl das Bild davor als cool wahrgenommen wurde, ist es nun auf einmal eben weniger cool, nicht schön oder einfach nur gelogen. Ich persönlich mag diese Bilder sehr und freue mich jedes Mal, wenn ich wieder zufällig eine Location gefunden habe und ich ein neues Foto in meine Serie aufnehmen kann.
Warum mag ich diese Bilder? Mir gefällt die Perspektive und oft auch die räumliche Enge, welche die städtische Szene hat. Das Flugzeug hingegen steht für ausbrechen, rauskommen, Freiheit.
Eine Erinnerung zum zweiten Bild hier aus Hongkong möchte ich gerne noch teilen: Eine zeitlang hatte ich dieses Foto als Hintergundbild auf meinem Handy. Eine Kollegin von mir hatte dies gesehen und wir kamen ins Gespräch, wo die Gebäude stehen, und wie gut ihr die Komposition gefällt. Als ich ihr gesagt habe, dass das Flugzeug nicht real darüber geflogen ist, klackerte Sie mit ihren künstlichen Fingernägeln auf meinem Display rum, strich sie die Haarextensions aus dem Gesicht, verdrehte die Augen unter ihren aufgeklebten Wimpern und sagte mir: man weiss heutzutage gar nicht mehr, was echt und was unecht ist. Manchmal ist es KI oder wie bei dir die Bildbearbeitung. Sie findet so was gar nicht gut. Äh ja, in diesem Sinne, Amen.
Mehr Bilder dieser Art findet ihr bei Instagram mit dem hashtag #theaestheticofurbanenvironments


